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Foto: Abendhimmel; Foto: Moldenhauer

21. August 2012: Der Tod des Prager Frühlings

“Welches Land ist das größte der Welt?" war eine beliebte Frage in Ungarn Ende der 80er Jahre. “Liegt auf der Hand: Die Tschechoslowakei. Seit 1968 rollen russische Panzer wie versprochen aus der CSSR, aber noch immer haben sie nicht die Grenzen erreicht!" Das geschah erst 1991.

Der Prager Frühling war für viele Linke eine Hoffnung, einen “Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ jenseits des Staatssozialismus sowjetischer Prägung zu schaffen. Ausgangspunkt für die Entwicklung war eine langsam erwachte Emanzipation der Bevölkerung, die sich gegen Bevormundung und schlechte Lebensbedingungen wehrte. Sie sah in Alexander Dubcek, seit 1963 1. Sekretär der Kommunistischen Partei, ihre Hoffnung, der sich auch allmählich gegen den Vorsitzenden, dem Altstalinisten Antonin Novotny, durchsetzte. Mit dem Rücktritt Novotnys zum Jahreswechsel 1967/68 war der Weg offen für Alexander Dubcek, der auch Ministerpräsident wurde, Ludvig Svoboda, dem Staatspräsidenten, und den Wirtschaftswissenschaftler Ota Šik. Schon im Februar 1968 wurde die Pressezensur aufgehoben, das Programm einer “humanen Wirtschaftsdemokratie“ durch Šik vorgestellt; in einem “Aktionsprogramm“ verpflichtete sich die KP zu einer demokratischen Öffnung “ohne selbsternannte Führer“. Intellektuelle unterstützen die Reform mit einem “Manifest der 2000 Worte“.

Besonders der DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht stand dem Ganzen wütend gegenüber. Wie durch die erst nach der Wende geöffneten Dokumente belegbar, war wohl er die treibende Kraft, während der russische Parteichef Leonid Breschnew strikt gegen eine Intervention war und sogar in einem Telefonat seinen persönlichen Freund Dubcek geradezu angefleht habe, die Stellung der KP nicht zu gefährden.

Letztlich siegte der militärische Komplex: In der Nacht vom 20. auf den 21.8.überschritt über eine halbe Million Soldaten mit 7000 Panzern der Armeen aus der UdsSR, Polen, Bulgarien und Ungarn die Grenze zur CSSR und zerstörte einen menschlichen Traum: den nach Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Etwa 100 EinwohnerInnen der CSSR kamen dabei ums Leben, auch 50 Soldaten der Einsatzkräfte: fast ausschließlich betrunkene sowjetische Soldaten. Denn die Abwehr blieb friedlich: Straßenschilder wurden umgedreht oder abgeschraubt, so dass sich oft die Panzer selbst blockierten, Frauen brachte den Soldaten frische Früchte oder Gemüse als Zeichen der Friedlichkeit, Witzplakate hingen überall.

Übrigens betraten DDR-Truppen, trotz ihrer eigenen gegenteiligen Behauptung, nicht tschechoslowakisches Gebiet. Es war den sowjetischen Generälen dann doch lieber, in der Bevölkerung nicht zu starke Ressentiments aufzubauen, dass 30 Jahre nach ihrem Einmarsch schon wieder deutsche Truppen das Land überfielen.
Dubcek wurde nach Moskau verschleppt. Er kam mit Svoboda zurück und konnte nur noch das Ende dieses Traums verkünden.
Begründet hatten die “Bruderarmeen“ ihr Tun mit einem “Hilferuf aufrechter Patrioten“. Es gab tatsächlich einen, Gustav Husak, der dann auch zum Nachfolger Dubceks ernannt wurde - aber für etliche Wochen niemanden fand, der mit ihm zusammen arbeiten wollte.

Die Folgen waren für die CSSR verheerend: Im ersten Monat flohen fast 100.000 Menschen nach Österreich, meist gut ausgebildete Ingenieure, Ärzte oder Krankenschwestern, über 60.000 kamen erst gar nicht aus dem Urlaub zurück.
Unter Husak wurde die CSSR zu einem der schlimmsten Repressions-Staaten des Warschauer Pakts.

Alexander Dubcek arbeitete ab 1970 in der Forstverwaltung in Bratislava (Pressburg), er war nach der Wende Parlamentspräsident und starb 1992 tragisch bei einem Autounfall.

Ludvig Svoboda blieb formal bis 1975 Präsident der CSSR, war aber völlig kalt gestellt. Kurz nach seiner Ablösung starb er 1979.

Ota Šik floh nach dem Einmarsch in die Schweiz, wo er eine Professur für Ökonomie übernahm und die Ziele seines “Dritten Wegs“, einer Marktwirtschaft mit planerischen Elementen, entwickelte. Seine Bücher dazu wurden auch bei uns in hoher Auflage gelesen. Nach seiner Emeritierung widmete er sich nur noch seinem Hobby, dem Malen. Etwa fünf Jahre lebte er mit einem Hirntumor, dem er schließlich 2004 erlag.

Der Sozialismus mit menschlichem Antlitz wurde heute vor 44 Jahren unter den Ketten sowjetischer Panzer zermahlen.

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